Damian Thater

Penny-Auktionen == Gelddruckmaschinen

13.05.2014

Penny-Auktionen == Gelddruckmaschinen

Da wundert sich der Laie und staunt der Experte. Wie kann man Waren für den x-fachen Einkaufspreis verkaufen und dennoch den Käufer über 90% Preisnachlass jubeln lassen? Mit (un)freiwilligen Investoren!

Dieser paradoxe Zustand hat mich nicht losgelassen. Es ist Irrsinn mit einem Telefon für 600 € aus einem regulärem Geschäft knapp 57600 € zu verdienen und gleichzeitig den Käufer unterzujubeln, dass er das Schnäppchen seines Lebens gemacht hat. Teilweise wird ja mit 90% Preisersparnis geworben.

Stress für eine Hand voll Cents

Eine Investition ist kaum der Rede wert, wenn es sich um Cent-Beträge handelt, die hin und wieder immer mal anfallen. Der Mensch schätzt den Ausgabewert schlechter ein, wenn er öfter Kleinbeträge los wird. Was sind schon die paar Cent (für den Einzelnen)?

“Einmal aufrunden bitte”… hieß es kürzlich in der Werbung eines Lebensmittelhandels. Klar, wenn das nur einer macht, fällt es kaum ins Gewicht. Aber wenn alle mitmachen, kommen einige hundert Euro zusammen… täglich… pro Geschäft.

Praktischerweise setzt in unserer hektischen Gesellschaft den Konsumenten schon mal der Verstand aus, wenn sie das Wort “Schnäppchen” hören. Einige schlagen sich mit den gerade weggegrabschten Pantoffeln den Schädel ein - erhalten aber wohl den 75% Rabatt auf alle Größen. Dramatische Szenen spielen sich alle halbe Jahre beim SSV und WSV ab… es ist die Natur, die uns für die knappen Ressourcen zum aggressiven Aktionismus treibt. Derart getrieben geben einige Überlebenskünstler schon mal gern doppelt und dreifach Kohle aus… beispielsweise bei Ebay… “3, 2, 1… Opps, 20 € über meinem Limit (und Regulärpreis), aber egal, Hauptsache dem anderen Bieter hab ich’s gezeigt!”

Das haben auch die Geschäftsleute der Bieterplattformen wohl auch gedacht und kombinieren das eine Übel mit dem anderen: Unter Zeitdruck werden lukrative Waren für scheinbar Peanuts angeboten, man muss nur nach dem Investment einwenig Glück haben.

Ich schreibe mal Glück, weil der persönliche Erfolg (wie bei jeder Auktion) von der Unlust, Faulheit und Investmentstärke der etlichen anderen Bieter abhängt den Wettkampf um das nächste Gebot zu treiben.

Ein Gebot ist nicht gleich ein Gebot

In einer klassischen Auktion bietet man in Schritten, die der Auktionator vorgibt - dieser können schon mal sprunghaft ansteigen und es ist jedem überlassen den Preis bezahlen zu wollen. Gegenüber der Bieterplattform zahlt man aber nicht bei jedem Handzeichen, sondern nur noch den Endbetrag (plus evtl. einer Gebühr).

Die hier beschriebenen Pattformen kann man aber mit sog. Pennyauktionen oder Cent-Auktionen vergleichen. Der Interessent signalisiert die Kaufbereitschaft indem er bietet. Dabei erhöht sich der Endbetrag um nur einen Cent. Der Endbetrag kann also bei teuren Waren lange steigen, bis die Konkurrenten aufgeben. Das Problem dabei ist, dass man mit jedem Gebot heimlich Geld ausgibt - und das nicht zu knapp.

Es ist gehört zur Geschäftstaktik dem Kunden nicht auf die Nase zu binden, dass er nicht die Erhöhung in Cent zahlt, sondern in einer plattformeigenen Währungseinheit, den Bids (oder zu deutsch Bietpunkten oder Bieteinheiten). Ein Bid hat je Plattform einen festgelegten Wert, ca. 0,12 € bei MadBid.com. Bedeutet also, dass der Interessent bei Gebot bereits 12 Cent losgeworden ist…

Die Bids muss man im Voraus erwerben, wie in einem Vergnügungspark. Und wie in so einem Vergnügungspark eben, stellt man sich immer die Eingangsfrage: “Wie viele dieser Freizeitpark-Dollars brauche ich denn, um eine Bratwurst zu kaufen? Für 20 € müsste ich doch satt werden, oder?” - Oder.

Schaut man genauer in die Hilfeseiten stellt man fest, dass Gebote zusätzlich mit einem Faktor multipliziert werden… jede Auktion hat ihren individuellen Multiplikator, der aus einem Gebot den wahren Einsatz macht. Bei lukrativen Waren ergibt ein hoher Multiplikator Sinn. Auf einigen Plattformen multiplizieren sich Gebot-Klicks zu Gebot-Einsätzen um den Faktor 8. Will heißen, dass jeder Klick den 8-fachen Wert eines Bids hat.

Beispiel:

Ich gebe ein Gebot ab, um von 2,12 € auf 2,13 € zu erhöhen. 
"Ist ja nur ein Cent mehr."
Mein Bid ist aber 0,12 € wert und der Multiplikator der Auktion ist 8.
Adam Riese sagt dazu: 8 * 0,12 € = 0,96 €. 

8-[

1 einziges Cent-Gebot macht also ein fast 1 € großes Loch im realen Portmoney.

Es reicht also schon ein Klick in der Plattform, und man ist einen kleinen aber feinen Betrag seines Geldes los - sofort für immer!.

Beispielrechnung 1

Da haben wir also ein exemplarisches Angebot, sagen wir mal ein aktuelles 32 GB iPhone 5. Im Apple Store wird das leistungsähnliche iPhone 5C für knapp 600,- € (Stand während ich den Artikel schreibe).

Es geht über den Tisch für knapp 38,- €. Menschenskind, dass sind ja über 93% Preisnachlassen. Wie kann das gehen?

38 € Endpreis macht 3800 Einzelgebote à 1 Endbetrag-Cent.
3800 Gebote zu je 12 Invenstment-Cents 
= 456 € Umsatz für die "Erlebnisauktion"

Also zuerst mussten alle Interessenten zusammen 3800 mal bieten, damit der letzte Überlebende einen Endbetrag von 38 € zahlen braucht… Die Auktion schließt mit einem unglaublich niedrigen Preis von 38 €. Das Unternehmen macht aber nur knapp 144 € miese.

600 € Wert im Einkauf - 456 € durch Bieter wiedererhalten = 144 € Miese.
144 € Miese - 38 € Endbetrag = 106 € Loch in der Bilanz.

Vernachlässigt wurde bei der Rechnung die Verarbeitungskosten von knapp 20 € (und mehr) für den glücklichen Käufer.

Die 106 € Miese sind aber gut in Eigenwerbung investiert. Google vermerkt die Seite mit einem unglaublich niedrigen Preis, was das Geschäft noch interessanter für andere Suchende macht…

Naja, die Rechnung hat zugegeben noch einen Haken. Sie unterschlägt komplett, dass die Bieter bereits massenweise Bids gekauft haben müssen, um an der “Auktion” teilnehmen zu können. Kauft man sich vorsorglich ein Paket von 1000 Bids kosten die schon mal 120 €! Bei der Auktion mit Multiplikator 8 kann man damit gerade mal 125 mal mitbieten.

Wie viel müsste ich denn investieren, um mit anderen Interessierten auf einen Kaufpreis von 38 € zu kommen?

1 Konkurrent: 1/2 * 3800 = 1900 Gebote * 8 * 0,12 € = 1824 € reale Knete.
3 Konkurrenten: 1/4 * 3800 = 950 Gebote * 8 * 0,12 € = 912 € reale Knete.
9 Konkurrenten: 1/10 * 3800 = 380 Gebote * 8 * 0,12 € = 364,80 € reale Knete.
99 Konkurrenten: 1/100 * 3800 = 38 Gebote * 8 * 0,12 € = 36,48 € reale Knete.
999 Konkurrenten: 1/1000 * 3800 = 4 Gebote * 8 * 0,12 € = 3,84 € reale Knete.

Je mehr Teilnehmer, desto billiger komme ich weg, je später ich biete. Aber das klappt nicht, weil ich eine Uhr im Nacken habe, die Auktionen auch Nachts laufen, ich nicht weiss wie viele Konkurrenten mitbieten.

Zu allem Übel kommt noch hinzu, dass selbst wenn sich ein Bieter die Mühe machen würde seine Bids in Euro umzurechnen, er wohl für eine Ware im Wert von 600 selbst 10% davon, also 60 € = 500 Bids investieren würde. Er könnte damit 62 mal ein Gebot abgeben.

Alles ist sehr diffus - aber es interessiert Keinen - es soll ja Spass machen…

Die Bereitschaft 60€ vorab in Bids zu investieren, also knapp 62 mal ein Gebot abzugeben, ist vermutlich bei den meisten sehr hoch.

1 Konkurrent: 2 * 60 € = 120€ Gesamtinvestment, Verlust
3 Konkurrenten: 4 * 60 € = 240 € Gesamtinvestment, Verlust
9 Konkurrenten: 10 * 60 € = 600 € Gesamtinvestment, 0/0 Rechnung
10 Konkurrenten: 11 * 60 € = 660 € Gesamtinvestment, Gewinn

Die Rechnung oben zeigt, dass es bereits möglich ist den UVP Preis zu erreichen, selbst wenn nur 10 weitere Bieter willig sind 60 € für den Gewinner zu opfern.

Um nun aber nicht vorzeitig aussteigen zu müssen, decken sich alle 10 Bieter der exemplarischen Rechnung oben mit je 1000 Bids zu 120 € ein. Einer wird als Gewinner davon gehen und das ist NICHT der Käufer, der den finalen Zuschlag erhält.

Es ist das Unternehmen, denn selbst in der Situation, in der der das Unternehmen scheinbar Verluste einfährt, hat es Gewinne gemacht. Und zwar durch den Verkauf der Biermarken… äh… Bids.

10 Interessenten * 1000 Bids zu je 120 € = 1200 € Investment

Egal was nun für ein Endbetrag zustande kommt, sei es auch nur 0,01 €. Der Anbieter hat einen Grund zu feiern - ebenso der Käufer.

Um es noch mal deutlich zu machen, der Interessent investiert vorab in ein System, dessen Umfang und Folgen er nicht beherrschen kann, weil er mit Faktoren und Teilbeträgen hantiert. In wenigen Fällen hat der Anbieter das Nachsehen, wie oben vorgerechnet, aber es gibt auch die andere, lukrative Kehrseite der Medaille.

Beispielrechnung 2

Aktuelles Beispiel an einen Kleinwagen, UVP: 22.500 €.

Während ich den Artikel schreibe, läuft die Auktion noch. Das Ausmaß kann also noch viel größer sein, als in der Rechnung.

Aktueller Auktions-Wert: 4300 €
Anzahl der Gebote: 430000 Gebote um je 1 Cent
Multiplikator: 8
Anzahl der nötigen "Bids" bis zum Endbetrag: 430000 Gebote * 8 = 3,44 Mio Bids!

Geflossener Betrag 3440000 * 0,12 € = 412800 €!

Gewinn abzüglich Wareneinkauf UVP und zuzüglich Endbetrag = 394600 €

8-O

Dieses Geld hat der Plattformanbieter in der Tasche - Unfassbar… da haben die ahnungslosen Investoren den Wagen knapp 17-fach finanziert. Das Unternehmen muss vor Gewinn kaum laufen können.

Finale

Noch interessanter ist aber der Endbetrag, wenn Automaten sich gegenseitig kapput bieten. Angenommen die Bots schaffen es tatsächlich den UVP Betrag zu erreichen.

22500 € = 2250000 Gebote zu je 1 Cent * Multiplikator 8 * 0,12 € pro Gebot = 
JETZT HALT DIE SOCKEN FEST... 2.160.000 €!

Da kann man doch nur den Kopf schütteln.

Kein Wunder also, dass es viel Kritiken im Netz zu lesen gibt, bis hin zu Untersagung wegen Glücksspiels.


13.05.2014

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